NIGUNIM

Nigunim für Orchester (2017)

Dauer ca. 80 Minuten

Uraufführung am 23. Mai 2017 – Orchester Jakobsplatz München – Dirigent: Daniel Grossmann – Muffathalle München – AW des OJM

OJM_Klezmer-157Fotos: Thomas Dashuber

Rezensionen – –  SWR2 – – Deutschlandfunk – – Sueddeutsche Zeitung –  –

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Beschreibung “Nigunim für Orchester”:

Ausgangspunkt von Nigunim ist eine zeit- und ortsspezifische Musik, die para-liturgische Hochzeitsmusik der aschkenasischen Juden im 18. und 19. Jahrhundert; die feierliche Musik des Schtetls.

Eine berühmte Variante dieser Musik ist der sogenannte Klezmer, entstanden im Zuge einer Wiederbelebungsbewegung in den 1970er Jahren in ein paar amerikanischen Großstädten. Im gleichen Maße, wie uns diese Musik geläufig ist – verspielte Klarinette wird von einer akustischen Band begleitet -, ist ihr osteuropäisches, kleinstädtisches Vorbild unbekannt. Wir wissen über diesen Vorläufer, dass er orchestral, virtuos und komplex war und bis in die 1880er Jahre Geige und Hackbrett die Hauptinstrumente waren. Und dass er nicht Klezmer hieß. Der Begriff hat sich Anfang der 1980er Jahre für die amerikanische Folk-Variante durchgesetzt und heißt wörtlich Musikinstrument.

Die Träger dieser Musik hießen seinerzeit Klezmorim, Instrumentalisten, und bildeten ein eigenes soziales Phänomen. Ihre Musik war konzertant im Unterschied zu den jiddischen Gesängen, aber rituell oder paraliturgisch eingebunden im Unterschied zu höfischen Orchestern. Es handelte sich um eine raue, vielseitige Festtagsmusik, zu der am Hochzeitstag über den Marktplatz prozessiert, am Vorabend im rituellen Bad sinniert, im Elternhaus geweint, die Braut verschleiert, begleitet von finsteren Drohungen über das Wesen der Ehe, zur Chupa marschiert und von der Chupa weggetanzt, schließlich gemeinsam gegessen und ausgelassen getanzt wurde. Der einzige Gesang, der auf einer Hochzeit zu hören war, war der theatrale Sprechgesang des Badchn, eines professionellen Zeremonienmeisters, der im gleichen Maße furchteinflößend wie komisch sein können musste.

Was wir von dieser Musik heute in der Hand haben, abgesehen von den verschiedenen amerikanischen Neu-Interpretationen des 20. Jahrhunderts, ist so viel, als gäbe es von Beethoven nicht mehr als ein paar ausgeschriebene Melodien – wären da nicht einige wenige europäische Grammophonaufnahmen aus Bukarest, Warschau, Odessa oder Istanbul. Sie bilden für uns die Brücke in eine untergegangene Welt. Die Annäherung an diese wenig bekannte orchestrale Musik bleibt subjektiv und spekulativ.

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Hintergrund
In der Welt der Klezmorim gab es bei weitem nicht nur melancholisch-dynamische Tanzmusik, sondern auch heiter-schwere Weisen, ironisch-elegische Meditationen. Ein fester Bestandteil jeder Hochzeit war das Andenken an die Verstorbenen und den Tod selbst, aber auch das Zum-Heulen-Bringen der Braut, die sich aus ihrer Familie lösen muss, die Verdeutlichung des Kreislaufes der Dinge, Tod und Neugeburt. Die Hochzeit war nicht einfach eine Party, sondern ein großes Ritual aus ehrwürdiger Vorzeit.

Angesichts einer ausgefeilten Musikkultur, getragen von Berufsmusikern, verschwimmt der Unterschied zwischen Hochkultur und Brauchtum, zwischen kompositorischem Material und interpretatorischer Tiefe. Der Schlüssel liegt im Mysterium der speziellen Hochzeitsform. Sie wird durch die Musik rituell geordnet, emotional angehoben und an ein kulturelles Universum angebunden.

Musik ist eines der am leichtesten transportierbaren Kulturgüter. Greift sie auf, was unterwegs hinzutritt, tritt sie auch der Heimatlosigkeit entgegen. Der Musik eines Volkes, das immer schon auf der Flucht ist, hört man ihre eigenständige Mischung an, genauso wie ihre Transportabilität.

Nigunim ist eine Annäherung an diese wenig bekannte Musikkultur. Die Komposition bezieht sich auf die philosophische Haltung der aschkenasischen Hochzeitsmusik und überträgt sie auf heutige Klangmöglichkeiten. Der Begriff „Nigunim“ bezeichnet Melodien, die ohne Worte auskommen, aber nicht ohne Begeisterung. Vorbild der Annäherung ist die Spielweise berühmter jüdischer Hochzeitsmusiker zum Einen, die auf das Orchester übertragen wird, zum anderen die Physis der Stimme, die in mancher Hinsicht das Maß dieser Instrumentalmusik bildet, insbesondere der freie und alte Gesang des Kantors.

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Kompositorischer Ansatz

Musikalisch wirft Nigunim einen Blick zurück und von dort auf die Gegenwart.

Melodien
In den Jahren vor dem 2. Weltkrieg hat der Musikwis-senschaftler Moshe Beregovsky Melodien von noch lebenden Klezmorim gesammelt. Dabei handelt es sich um Melodien, die infolge einer Kombination aus okzidentalem und orientalem Musikverständnis nicht im Dur-Moll-System aufgehen, sondern eine ambivalente, modale Charakteristik aufweisen, so dass Dynamik und Melancholie musikalisch keinen Widerspruch darstellen, was wiederum auch eine philosophische Haltung transportiert und vielleicht das Wesen einer Hochzeit einfängt.

Ausgehend von diesem Material und einigen seltenen europäischen Grammophondokumenten mit Orchesteraufnahmen aus den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ging es bei “Nigunim” darum, diese Haltung aufzuspüren und für ein heutiges Orchester zu übersetzen. Die aschkenasische Hochzeitsmusik trägt schon in sich Untergang und Auferstehung, Schwere und Schwerelosigkeit, auch wenn sie als originales Kulturphänomen für immer verloren ist. In einer solchen Annäherung ist sowohl die Kluft als auch ihre Überwindung spürbar.

Zweifel
Wie einer oral überlieferten Musik schreibend gerecht werden, deren markante Gestalt durch individuelle Mikro-Abweichungen von der überlieferten Tonfolge erreicht wird? Was ist der gemeinsame Nenner zwischen den in menschlicher Tiefe gebrochenen Emotionen einer uralten Hochzeitsmusik und der Gebrochenheit jeglicher Emotionalität in der zeitgenössischen Musik? Möglicherweise besteht der Auftrag dieser Komposition zum Teil darin, „tobende und tosende“ bessarabische Polkas, wie ein Zeitzeuge diese Musik beschrieb,  und zeitgenössische Abstraktion eine Stunde lang aufeinandertreffen zu lassen wie Bleimoleküle im Cern-Teilchenbeschleuniger, bis sich ihr Quellcode aufzulösen beginnt.

Kompositionsidee
Eine erzählerische Konzertform steht im Vordergrund. Die Struktur leitet sich ab vom Ablauf einer Hochzeit im osteuropäischen Schtetl, ein einwöchiges Ritual mit viel Auf und Ab. Grundlage dafür bilden Zeitzeugenberichte. Inseln von „Klezmer“-Ereignissen werden verbunden von einer heutigen Orchester-Klangwelt.

Die Komposition wird dem täglichen Handwerk der Klezmorim entsprechend verstanden als ein Einschreiben von Körperlichkeit oder rauer Stimme in die „Melodien“, dabei aber orchestral denkend und nicht nur vom einzelnen Instrument her.

Nähe und Distanz zugleich schafft der Einsatz eines Grammophons als Musikinstrument. Nicht das Aufgezeichnete wird verwendet, sondern das eigene Geräusch des akustischen Geräts, der eigene Rhythmus des aufgezogenen Motors und der Nadel in der Rille.

Februar 2017

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