Presse Windgongs I (4.+5. Sept.)

Pressekonferenz: Tonlagen 2010, DNN –   TV Dresden 1

Dresdener Neueste Nachrichten, 06.09.2010:

Subtil ausgehört – Konzert für 50 Windgongs und Ensemble in Hellerau

Als Prolog zum “Tonlagen”-Festial des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau konnte man am Sonnabend eine besondere Aufführung im Festspielhaus erleben. Der Berliner Komponist Moritz Gagern lud zu einem Konzert für 50 Windgongs und kleines Ensemble ein. Noch ohne einen Ton gehört zu haben, war die Szenerie beeindruckend: ein ganzer Wald aus Gongs hing von der Decke herab, dazwischen hatten Musiker verschiedenen Spielorte, zu Beginn waren sie weit im Raum verteilt. Man könnte mutmaßen, die Komposition würde entweder die chinesische Musiktradition dieser Instrumente betrachten oder aber einen avantgardistischen Höllenlärm verursachen.

Beides war nicht der Fall und das war das Glück dieser Veranstaltung, denn Gagern beschäftigte sich eindringlich mit dem Klangcharakter der Instrumente. Die Flachgongs von unterschiedlichem Durchmesser und Schliff haben die Eigenschaft, besondere Obertonspektren zu entwickeln, das Verklingen und Vermischen dieser Resonanzen erzeugt eine Tonsprache, die mit unseren gewohnten (europäischen) Klangmaterialien wenig gemein hat. Trotzdem oder gerade deswegen stellte Gagern den Gongs ein kleines Kammerensemble bestehend aus Geige, Cello, Trompete, Bass- und Kontrabassklarinette sowie Vibraphon und Marimbaphon zur Seite. Damit entwickelte sich ein Dialog aus liegenden, geschlagenen, verhallenden Tönen.

Der Windgongwald zu Hellerau. Imponierende Bilder und Klänge. (Foto: Alexander Keuk)

Der experimentale Charakter verschwand dennoch nicht, denn die Musiker hatten teilweise auf die “Angebote” der Gongs zu reagieren, zudem sorgte die Hängung und Entscheidung für den großen Festspielsaal für ein nicht exakt wiederholbares Ergebnis. Die Musiker Elfa Rún Kristinsdóttir, Lea Rahel Bader, Damir Bacikin, Theo Nabicht, Matthias Engler und Friedemann Werzlau musizierten mit großer Ruhe und Übersicht und gaben sich live diesem Dialogspiel hin – allerdings ohne Dirigent, was manchmal zu einer gewissen Vagheit führte. Dramaturgisch verdichtete Gagern das Material immer mehr, bis alle Musiker am Ende inmitten der Gongs agierten. Der Beginn war eine sublime Erforschung des Klangraumes, der stark wirkte. Innerhalb des 50minütigen Werkes gab es aber auch einige Passagen, die – je nach Höranspruch oder eigener Empfindung – weniger tragend waren.

So war die Verbindung der Gongs mit dem großen Raum und frontalem Publikum stets distanziert – eine sehr fokussierte Hörkonzentration war für viele am Rande des Wahrnehmbaren stattfindende Aktionen notwendig. Wenn der Nachklang oder die Vermischung mit den Instrumentalklängen wirklich Tonwellen aussandte, wurde es spannend, aber dies war zu selten der Fall und hätte von Gagern mehr ausgekostet werden dürfen. Zudem beschränkte sich Gagern nicht auf die anfängliche Gong-Erforschung, sondern lenkte die Aufmerksamkeit mehr und mehr von den Gongs als Hauptdarstellern weg zum selten schweigenden Kammerensemble, das im letzten Drittel des Stücks nicht immer plausible stilistische Kontraste formte – es blieben jedoch feine klangliche Momente im Gedächtnis. Die Windgongs werden ab 1. Oktober bei den Tonlagen als bespielbare Installation im kleineren Nancy-Spiro-Saal aufgehängt, wo sich eine ganz andere Räumlichkeit einstellen wird. Am 13. Oktober wird dann erneut ein Windgong-Konzert stattfinden, anders, und wieder neu.

Dresdener Neueste Nachrichten – Alexander Keuk

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So wie hier klingt es nie wieder

Von Karsten Blüthgen

Beim Tonlagen-Festival in Hellerau finden Musik, Tanz, Neue Medien und Theater einzigartig zueinander.

Moritz Gagern zaubert originelle Klänge mithilfe seiner 50 Gongs, Dean Wareham und Britta Phillips (kleines Foto) bringen wiederum gut beschirmt Filme von Andy Warhol zum Klingen.

Ein Gong – na und, was ist daran Besonderes? Das schlichteste Musikinstrument, das sich denken lässt. Gemacht aus einem Stück, und jeder kann darauf spielen. In einer Kirchenorgel sind Tausende Teile verbaut. Wenn es dort heißt, das Instrument sei königlich und höchst kompliziert, dann versteht man schnell. Aber diese Scheibe Bronze da?Der Schein trügt. So simpel ist der Gong nicht, wie er da so hängt und schwingt. An seiner Oberfläche, die zugleich sein Innerstes ist, spielen sich schöne, aber eben auch verrückte Sachen ab. Wo man ihn auch schlägt oder streicht, womit, wie stark – es wird immer anders klingen. Und immer unfassbar. Wer auszieht, die Harmonie der musikalischen Töne zu ergründen, dem ist vom Weg über den Gong dringend abzuraten. Der Gong, einst aus China kommend, symbolisiert ein Stück Weltgeheimnis. Die höchste Wissenschaft kann es benennen, wird es aber nie lüften können.

Moritz Gagern schreibt Musik. Und macht eine nachhaltige Erfahrung in einer Glockengießerei. Mutig hat er sich nicht etwa einen, sondern gleich 50 solcher Klangkörper besorgt. Natürlich 50 verschiedene. Der in Berlin lebende Komponist findet es „verlockend, die undurchdringlichen, völlig unlogischen und mathematisch nicht nachvollziehbaren Harmonien“ einem Kammerensemble vorzuwerfen, das sich mit dem Stoff zu arrangieren hat und sich ihm annähern soll. Moritz Gagern entwirft Musik für Räume – und nun auch für einmalige Klangkörper. Ein Windgongkonzert hat er noch nie geschrieben. Mit dem Konzept „Raum ohne Zentrum“ – ohne Dirigent oder andere zentral leitende Instanzen – lehnt er sich an die Natur der Gongs an. Dort gibt es keine klaren Tonhöhen und alles ist im Fluss. Entstanden ist eine episodische Musik der kargen Flächen und subtilen Übergänge, der filigranen Elemente und Effekte. Die schaurigen Stimmungen, die den Tamtams in der westlich-romantischen Orchestersprache zugeschrieben werden, kann man hier vergessen. Im Verlauf der 50 Minuten des Stückes wechseln die Musiker immer wieder Positionen, spielen Geige, Violoncello, Trompete, Bassklarinette, Marimbafon und schlagen dazu Gongs, die überall im Raum schweben. Mittendrin sitzt das Publikum, gebannt vom sinnlich-meditativen Dialog, der das Hören in die Tiefe anregt und weiträumig Assoziationen weckt.

Gagerns Stück steht symbolisch für einen gedanklich und stilistisch weiträumig konzipierten Jahrgang jenes Hellerauer Ereignisses, das seit vergangenem Jahr mit neuem Namen auftritt: „Tonlagen – Das Dresdner Festival der zeitgenössischen Musik“. Von Donnerstag bis zum 16. Oktober sind meist im Festspielhaus 24 Veranstaltungen zu erleben, bei denen Musik, Tanz, Neue Medien und Theater in jeweils eigenen, oft einzigartigen Konstellationen zusammentreffen. Schon der Eröffnungsabend bietet eine deutsche Erstaufführung: das Musiktheater „Jacob’s Room“ – eine berührende Reise in die Seele eines Menschen, der einen Völkermord überlebt. Morton Subotnick, ein Pionier der elektronischen Musik und Avantgardist in multimedialen Angelegenheiten, hat das Stück von 1986 als Kammeroper neu eingerichtet.

Unter den 14 Uraufführungen wartet mit „Hasretim – eine anatolische Reise“ ein besonderer Höhepunkt. Der deutsch-türkische Musiker Marc Sinan und Markus Rindt, Chef der Dresdner Sinfoniker, haben mit zwei Kameraleuten die Osttürkei besucht, den Gesang dortiger Troubadoure eingefangen und schließ-lich zu einem Konzert mit Video und Impro-visation verarbeitet.

Das Festivalprogramm klingt so dynamisch und nuancenreich wie das Spektrum eines Gongs. Überall und absichtsvoll hört man Einsprüche gegen das Vorurteil, Populäres und Elitäres seien polare Gegensätze. Während etwa Ketan Bhatti und seine Band „Formelwesen“ mit der Verfremdung akustischer Signale spielen, collagieren das „Ensemble ascolta“ und Jennifer Walshe humorvoll Neue Musik und Pop und nehmen so gängige Klischees aufs Korn. Die Neuen Vocalsolisten aus Stuttgart, erstmals in Dresden, locken wiederum mit A-cappella-Kunst der seltenen Art.

Schon Anfang September erklang Moritz Gagerns Windgongkonzert im Hellerauer Festspielhaus, bei Tonlagen gibt es eine modifizierte Neuauflage. Der Tamtam-Garten ist aus dem Großen Saal in den Nancy-Spero-Saal umgezogen, was zwei Vorteile bringt: Zum einen ist diese Installation begehbar und sogar bespielbar – ab sofort für jeden Hellerau-Besucher zwei Stunden vor Beginn der abendlichen Veranstaltung. Zum anderen werden die Gongs im kleineren Raum deutlich hörbarer auf jede Anregung reagieren und mitschwingen. In Resonanz sollen nicht nur Raum und Instrumente geraten – auch das Publikum soll in Bewegung kommen und sich anregen lassen, möglichst zahlreich. „Tonlagen“ in Hellerau liefert dafür einen breiten Impuls.

Tonlagen-Festival, 1. bis 16. Oktober, Festspielhaus, Hellerau, DD, Tickets: ab fünf Euro, Hotline: (0351) 8 89 38 84

Im Internet: www.hellerau.org

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