KONZERT FÜR 50 WINDGONGS

und kleines Ensemble

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Jeder Windgong hat werkbedingt individuelle Eigenschaften, beispielsweise die Ansprache, das Verhältnis von Grundton zu Oberton, die Obertonstruktur je nach Anschlagsstärke, die Reaktion auf verschiedene Anreger. Ich habe fünfzig zusammengestellt, einzeln ausgesucht, um ein zusammengehöriges Instrument zu bilden. Sie geraten bereits in Schwingung, wenn ein starkes Geräusch im Raum erklingt. In China sind sie daher Teil einer uralten Tradition, im modernen europäischen Orchester werden gelegentlich einzelne Windgongs als Tamtams im Schlagwerk verwendet.

Im “Konzert für 50 Windgongs und kleines Ensemble” entsteht aus fünfzig Windgongs ein mikrotonales Instrument, das von den Musikern direkt und indirekt bespielt wird.  Die Tamtams reagieren auf das Ensemble, indem sie wie Hallplatten in alten Tonstudios “mitsingen”. Das Ensemble reagiert auf die Tamtams, indem die Komposition deren komplexe und obertonreiche Klänge aufgreift.

Hellerau Windgong I

Die Klangstruktur der Windgongs bildet das musikalische Ausgangsmaterial. Ihre Funktion als Quelle von neuem Tonmaterial ist ebenso zentral für das Konzert wie die spezifische Hängung. So entsteht gleichzeitig eine Rauminstallation und ein großes Instrument.

Außerhalb der Konzertzeiten bilden die hängenden Windgongs eine Installation. Besucher können Geräusche machen und das Echo bespielen oder die Becken direkt selbst anschlagen.

Uraufführung: Festspielhaus Hellerau
Sa 4. September 2010 20 Uhr Großer Saal
So 5. September 2010 10 – 18 Uhr Großer Saal:
begeh- und bespielbare Installation
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Ausführlichere Beschreibung:

Die Musiker verteilen sich zwischen den Windgongs. Der Part dieses Instruments lässt sich nicht vollständig notieren, er wird zum Teil installiert.

Das ausnotierte musikalische Material stammt von den Grundtönen und Obertonstrukturen der einzelnen Tamtams, ihrem Resonanzverhalten und ihren Interferenzen. Die Komposition folgt dabei drei Themen:

1. Die Gongorgel als strukturbildendes Instrument

Die Funktion des Windgongs als Quelle von Tonmaterial ist ebenso zentral für die Komposition wie die Hängung der systematisierten und durchnummerierten Tamtams. So entsteht gleichzeitig mit der Komposition ein Instrument.[2]

2. Raum ohne Zentrum (mehr zum Thema Raum ohne Zentrum)

Fünfzig Windgongs werden so gehängt, dass sie spielbar sind, entsprechend ihrer Folge in der Komposition. Ein gemischtes Ensemble bringt die Gongorgel direkt und indirekt zum Klingen. Die Spielpositionen ändern sich im Laufe des Stücks. [1]

3. Ausstellungsprinzip

Die Musik für fünfzig Tamtams schwankt zwischen Konzert und Installation. Die handgeschlagenen Klangscheiben mit 50 – 70 cm Durchmesser gliedern einen begehbaren Raum, in dem der Hörer innerhalb der Konzertdauer selbst mitentscheiden kann, wo er bleibt.

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– Material

Windgongs oder “Feng-Gongs” sind gleichmäßig dick und randlos. Sie werden im chinesischen Wuhan in einer uralten Glockengießerei hergestellt. Im Unterschied zu gewöhnlichen Tamtams haben sie einen wärmeren Klang, einen etwas deutlicher hervortretenden Grundton, bei leisem Anschlag fast wie ein Gong, sie sprechen schnell an, und bieten eine Vielfalt von Klängen, je nach Dynamik, Punkt und Rhythmus des Anschlags.

Sie sind Resonanzkörper und Klangerzeuger in einem. Ein Raum, in dem viele Windgongs hängen, ist wie ein Raum mit getretenem Klavierpedal. Wenn die Trompete verstummt ist, hallt ihre Melodie als Cluster in den leise vibrierenden Tamtams weiter. Jeder Windgong reagiert durch seine individuelle Bauart auf eine bestimmte Frequenz besonders stark.

Die sich ergebende Gruppe von Grundtönen, Obertönen und Resonanztönen aus den fünfzig Gongs bildet die Grundlage der Komposition und Installation. Die Aufführung ist dann an genau diesen Satz von Windgongs gebunden.

Die Windgongs werden auch direkt gespielt, mehr oder weniger traditionell, mit weichen und harten Schlägeln, Bögen und anderen Materialien. Die Stimmen des Ensembles wiederum, zwei Streicher, zwei Bläser, zwei Schlagwerker, greifen die Klänge dieses neuen Instrumentes auf, das Schwebungen, Überlagerungen und tiefe tonale Rhythmen hervorbringt, und erweitern sie im Zusammenspiel mit ihren Mitteln.

gonggerüstDas Material ist von vorneherein auch räumlich bestimmt durch die Verteilung des Ensembles im Raum. Das lokale und das globale Spiel werden kontrapunktisch aufeinander bezogen, so dass zum Beispiel der Nachhall eines lauten Duos von Klarinette und Marimba am anderen Ende des Raumes in den Windgongs weiterschwingt und sich mit dem leisen Spiel des dort sitzenden Cellisten verbindet. Die Komposition konstruiert ihre eigenen konzertanten Bedingungen in einem vierdimensionalen Klangraum von einer Stunde.

– Installation

Die Tamtams werden so gehängt, dass sie den Aufführungsort untergliedern, zum Teil in normaler Spielhöhe hängend, zum Teil höher. Zu dem visuellen Raumkonzept trägt bei der Uraufführung in Hellerau und dem Konzert im Rahmen der TonLagen auch die Beleuchtung bei.

Außerhalb der Konzertzeiten ist der hängende Tamtamgarten eine Klanginstallation, in der der Besucher tonangebend wird, sobald er laut spricht, hineinruft oder ein erreichbares Becken selbst anschlägt.


[1] Erstmals habe ich dieses Thema des Raums ohne Zentrum in dem Tanztheater “Jerusalem Syndrom” behandelt. Das Publikum saß auf einer dreieckigen Tribüne in der Mitte, die Musik war acht-kanalig im Raum verteilt, so dass man jeweils nur ein Drittel der Szene sah, aber alles hören konnte. Später habe ich einen Raum ohne Zentrum im Drehrestaurant des Berliner Fernsehturms gefunden. In dem Konzert “Babylonische Schleife. Musik für großes Ensemble und rotierendes Publikum” waren zwanzig Musiker im Kreis verteilt, das Publikum fuhr langsam an ihnen vorbei (AW Maerzmusik 2007, KNM Berlin).

[2] Der Windgong hat als Instrument eine unterbrochene Geschichte. Er ist in der Neuen Musik zwar verbreitet, hat aber dort bisher keine strukturbildende, melodiöse Funktion, die jedoch durch seine harmonischen, klangfarblichen und Resonanzeigenschaften gerechtfertigt wäre.

Tamtams und Gongs haben im asiatischen Raum seit ewigen Zeiten eine wichtige konzertante, soziale und sakrale Bedeutung. Im antiken China war es üblich, bis zu vierzehn Gongs entsprechend ihrer Tonhöhe zu kombinieren, Gong-Glockenspiele werden in Gemälden der Song Dynastie dargestellt. Verbreitet waren sie in der archaischen Trompeten- und Schlagwerkmusik, bei Banketten, in buddhistischen und taoistischen Ritualen. In manchen Landschaften ist es Sitte, dass Familien seit Generationen ihren heiligen Gong hüten und bei bestimmten Anlässen im Dorfensemble darauf gespielt wird. Es heißt, daß früher Mönche aus weiter Entfernung allein mit ihrer Stimme die Windgongs zu einem lauten Crescendo anspornen konnten, wenn sie die genaue Frequenz der Kupferscheibe fanden. Im 20. Jahrhundert hat der Gong seine Bedeutung in der klassischen Musik und in Alltagsritualen eingebüßt, während er sich gleichzeitig in der neu entstehenden Musik als Orchesterinstrument durchsetzte.

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