Piano Pianino

Komposition für Pianoforte, Venedig, Nov 2010

Pianino, italienisch =
allmählich, mit der Zeit, langsam

Piano, italienisch =

– Fläche, Ebene, Stockwerk;
– leise, leicht, sachte, zurückhaltend, verständlich;
– Entwurf, Projekt;
– Klavier

Das erste Stück im Kontext des venezianischen Kompositionsprojektes, Piano Pianino, entstand für einen Werkstattbericht im Centro Tedesco di Studi Veneziani am 10.11.10. Es enthält erste Umsetzungen eines nicht-algorithmischen Kompositionsmodells. Architektonische Strukturen, die durch ihre unwiederholbare Asymmetrie überzeugen, werden durch unterschiedliche Techniken auf musikalische Strukturen übertragen.

Ausschnitt:

Die Recherche speist sich aus dem Überdruss an einer Architektur des Rasters und an weithin dominierenden Designs, die am Computer entstehen und ihre verwechselbare Gestalt den Angeboten zu verdanken haben, die von Software bereitgestellt werden. So ähnlich wie Musik- und Grafikprogramme zu typischen Entscheidungen verleiten, wenn man ohne Idee an sie herantritt, passiert es in der Architektur.

Dass in Venedig so viele eigenwillige Exemplare mit souveräner Formsprache zu finden sind, liegt zu einem kleinen Teil auch am bougeouise-oligarchischen Staatsmodell der venezianischen Republik. Wer es durch Welthandel zu etwas gebracht hatte, wollte ein Unikat an den Kanal stellen und sich nicht einreihen. Dieser Wunsch alleine reicht aber, wie wir wissen, noch lange nicht, um Architektur gelungen zu kuratieren. Das Gegenteil hilft auch nicht, wir kennen es aus späteren Konzepten sozialistisch orientierter Staaten, deren Höhepunkt wahrscheinlich nicht einmal in der legendären Regelung der DDR zu finden ist, eine Prämie zu vergeben an jeden, der an seinem Gründerzeitmietshaus die Fassadenornamente abschlägt. Der Höhepunkt der gleichgeschalteten Architektur ist erst in den Neubauten Berlins nach 1990 zu finden. Seit zwanzig Jahren werden hier architektonische Raster-Orgien veranstaltet, verursacht durch eine Mischung aus kulturlosen Bauherren einerseits, oft internationale Investoren, die mit der architektonischen Umgebung ihrer Investition nichts zu schaffen haben, und andererseits korrupten hohen Beamten im Berliner Senat.

Venedigs Erscheinungsbild gibt Beispiele für Formen, die sich nicht wiederholen oder metrisieren lassen und diametral jener faktischen Gleichschaltung gegenüberstehen, mit der sich der demokratische Kapitalismus architektonisch ad absurdum führt.

Das gleiche Prinzip findet sich in abgelegenen Zonen.

Ein berühmtes Beispiel:

Die Schwierigkeit eines solchen Projekts, zugleich sein Kern, liegt in der Frage, wie sich räumliche Proportionen übertragbar machen lassen auf zeitliche Proportionen, bzw. auf musikalische Proportionen.



Zwei grundsätzlich unterschiedliche Prinzipien schälten sich für mich heraus: entweder penible Übertragung der quantitativen Verhältnisse von räumlichen Abständen in harmonische und rhythmische Abstände – oder intuitive Komplizenschaft mit einer gewissen Geisteshaltung gotischen Baustils, die sich insbesondere auszeichnet durch die Bereitschaft, sich in formalen Entscheidungen nicht mit dem Taschenrechner abzusichern. Dazu kommt die Bereitschaft, Schichten übereinander wachsen zu lassen, die nicht einem homogenen Formgesetz im Sinne einer DNA entsprechen. Nach vielen Rechnereien und Versuchen auf Millimeterpapier habe ich mich für die zweite Methode entschieden.

Mehr zu dem Projekt unter Concert Music / Venezia

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