Presse Kurs:Liebe

Kritiken – Vorstellungen 2009/2010 

Schwäbisch Hall, 18.07.2010

Mammon auf die Beine helfen

„Kurs:Liebe“ uraufgeführt im Globe Theater Schwäbisch Hall


Foto: © Jürgen Weller Fotografie

Wandte man sich in den 20er Jahren mit schmissigem Klartext noch an die höchste Instanz: „Ein letztes Wort zu Gott, wir sind bankrott, bankrott, bankrott!“, lautet der Songtext in finanziell ähnlich auswegloser Lage heute: „You are my emotional bank account, I invest in you, ’cause this bank won’t have a global market crises“ (Du bist mein Gefühlskonto, ich investiere in dich, denn diese Bank wird keine globale Wirtschaftskrise haben).“ Statt Rückzug ins Private wünscht man sich Text und Musik (Musikalische Leitung: Moritz Gagern) in Gottes Ohr. Oft genug wird der eingängige Refrain wiederholt, um sich beim Hörer einzunisten. „Das war doch jetzt richtig gut!“, ein Nachsatz, der dem Uraufführungspublikum im Globe Theater satten Szenenapplaus entlockt.

Mit „Kurs:Liebe“, einer Produktion aus der Berliner Choreografen Werkstatt von Sommer Ulrickson (Regie und Choreografie) möchten sich die Haller Festspiele im 85. Jahr ihres Bestehens dem Genre Tanztheater öffnen. Voll Elan wirft sich das Ensemble (Clarissa Herrmann, Dan Pelleg, Marko E. Weigert, Christoph Schüchner sowie Gagern und Ulrickson) ins Stück und bühnenmittig auf ein Trampolin. Rücken an Rücken gefesselt hüpfen Pelleg und Weigert, Gangster Joe geht ab wie eine Rakete und die konditionsstarke, einfallsreiche Ulrickson alias Frau Silvia vollführt wilde Sprünge, hinter denen sich die von Haute und Baisse gebeutelten Aktienkurse verstecken können.


Foto: © Jürgen Weller Fotografie

Die Handlung entwickelt sich ausgehend von einem Fortbildungsseminar, in dem Bankangestellte in Rhetorik geschult werden, um bei Kreditvergabe und Kundenakquise emotionale Stringenz ins Beratungsgespräch zu bringen. „Ihre Investitionen vermehren sich bei uns so sicher wie Hasen im Frühling“, so lauten der Branche abgelauschte Sätze. Körper- und wortsprachliche Wendungen und Verrenkungen sind amüsant und treiben mit einem Überfall samt Geiselnahme durch ein Bankräuberduo weiter bizarre Blüten. Was die Kursleiterin den Angestellten mühsam einbläuen wollte, bringen die Bankräuber mit: Wertschätzung für und Vertrauen in harte Münze. Geld oder Liebe? Beides sind Macht-, Bindungs- und Lenkungsinstrumente, die im Doppelpack noch besser wirken.

Das Theater eine Spielwiese in Grün, Blau und Gelb, über die drei Etagen des hölzernen Rundbaus entspinnen sich absurde Aktionen. Die Stimmung kippt von bedrohlich in schrille Partylaune oder verödet in Warten. Geiseln solidarisieren sich – gemäß dem Stockholm-Syndrom – mit Geiselnehmern. Auffallend abwesend ist die Farbe der Liebe. Das einzige Rot im Stück, die Tomatensoße auf der Pizza, die auf sich warten lässt. Endlich angeliefert klopft und fingert Joe darauf herum, weil er darin einen versteckten Sender vermutet – ein Schelm wer dabei an paranoide Agenten denkt. Apropos Agenten, das Stück könnte sich auch eine Werbeagentur ausgedacht haben, die im Namen aller Banker dem schnöden Mammon in der Baisse auf die Beine helfen möchte.

Autor: Leonore Welzin


http://www.tanznetz.de/kritiken.phtml?page=showthread&aid=184&tid=17917

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Gefühlsecht zum Bankerfolg – im Haller Globe

Sommer Ulricksons bringt das multiformale Ensembleprojekt „Kurs:Liebe“ auf die Bühne in Schwäbisch Hall

Warum nicht? Das Stück zur Bankenkrise, zum Vertrauensverlust. Mit dem Geld haben die Kunden ihr Vertrauen verloren. Wer es zurückgewinnt, verdient wieder. Aber wie? Am besten mit dem Vokabular der Liebe. Denn Vertrauen ist menschlich. „Kurs:Liebe“ heißt das Ensembleprojekt, das Sommer Ulrickson im Haller Globe auf die Bühne gebracht hat. Ein munteres Vexierspiel, das sich aus den Elementen Schauspiel, Tanz und Musik speist.

WOLFGANG NUSSBAUMER

Frau Silvia hüpft gerne auf dem Trampolin. Da kann sie förmlich aus sich selbst herausspringen und mitteilen, was ihr sonst nicht gelänge. Wie ein Stotterer, der singt. Frau Silvia ist ein schwieriger Fall im Team der Bank; das Aschenputtel, das es allen recht machen möchte und um Anerkennung kämpft. Sommer Ulrickson hüpft mit Bravour in diese tragikomische Figur. Ferner nehmen an dem von Alexander Polzin und Nicola Minssen symbolkräftig ausgestatteten „Kurs“ noch Herr Zwingli, ein extrovertierter, offenkundig schwuler Schönling (Dan Pelleg) und Herr Schulz (Marko E. Weigert) teil, ein arroganter Misanthrop. Geleitet und überwacht wird das Seminar in Körpersprache und verbaler Rhetorik von Gabi-Renate (Clarissa Herrmann).
Typ: Steht vor sich selber stramm, um ihre lüsternen Gedanken zu verdrängen. Lässt genau so gerne die andern stramm stehen. Oder nach ihrer Pfeife tanzen. Beides darf man wörtlich nehmen. Als Resultat freut man sich an wunderlich grotesken körpersprachlichen Psychogrammen, an Verrenkungen mit Gesang, am Wortwitz, wenn die Empathie der Gefühlssprache auf die ökonomische Erwartungshaltung der Banker trifft und das Giersystem auf die Schippe nimmt.
Erweitert werden die interaktiven Möglichkeiten durch das Eintreffen zweier Bankräuber; Strumpf überm Kopf, Knarre in der Hand, Gitarre umgeschnallt. Sind der nervige Joe (Christoph Schüchner) und der coole Mafioso Mojo (Moritz Gagern) echt oder agents provocateurs? Sie verhalten sich jedenfalls ziemlich echt, setzen die Geiseln unter Druck und fraternisieren mit ihnen im Wechsel; die so unnahbare Gabi-Renate erliegt dem rauen Charme Joes, Frau Silvia möchte den mit dem Revolverlauf Slidegitarre spielenden Mojo beeindrucken und kommt dabei Herrn Zwingli in die Quere. Moritz Gagern spielt als Gangster übrigens nicht nur Gitarre, sondern auch Klavier. Aus seiner Feder stammen die Songs, die das Ensemble nahezu makellos intoniert. Das Angestelltenteam zeigt sich in der Ausnahmesituation sehr emotional, nahezu gefühlsecht. Aus der Angst geborene Lust beschert den Seminarerfolg. Bis tödliche Spannung in der Luft liegt. Joe dreht durch. Doch in die Spannung, da fällt kein Schuss.
Zurück bleiben fassungslose Mienen rund ums Trampolin und zufriedene auf den Besucherrängen. „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ hat der Dichter Grabbe einst seine Komödie überschrieben. Der Titel könnte auch über diesem Kurs in Sachen Verkaufserfolg durch emotionale Techniken stehen. Nur nach der Bedeutung muss man nicht so tief graben. Aber das tut dem Spaß an diesem für Hall neuen Theaterformenmix keinen Abbruch.

Weitere Aufführungen am 23. und 24. Juli; 7., 8., 10., 11., 12., 18., 19. und 20. August, jeweils 20 Uhr im „Globe“. Karten: Tel. (0791) 751600, Fax (0791) 751-397. www.freilichtspiele-hall.de. Mail: kartenkontor@schwaebischhall.de

© Schwäbische Post 21.07.2010

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Südwestpresse, Autor: Bettina Lober | 20.07.2010
 

Gefühle rund ums Geld


Ganz streng: Seminarleiterin Gabi-Renate (Clarissa Herrmann), im Hintergrund genießen die Bankangestellten die Sprungfreiheiten des Trampolins (Bühne: Alexander Polzin, Nicola Minssen). Fotos: Weigert
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Die Freilichtspiele Hall betreten Neuland. Eigentlich kann man dieser Theaterform noch gar keinen Namen geben. Denn in “Kurs: Liebe”, einem Ensembleprojekt unter der Leitung der Regisseurin und Choreografin Sommer Ulrickson, kommen mehrere Genres zusammen, die gemeinsam eine eigene Gattung ergeben. “Kurs: Liebe” vereint viele Elemente – Gesang, Musik, Schauspiel, Tanz, Akrobatik. Ist das nun Tanztheater? Modern Dance, Collage-Performance, Avantgarde? Man kann angesichts dieses abwechslungsreichen Abends im Globe Theater ins Grübeln, Debattieren – und Genießen kommen.

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Es geht um Liebe – dieses mächtige und ach so undurchsichtige Gefühl. “Ein Abend über den Mehrwert von Gefühlen”, lautet der Untertitel des Stücks, das nur aus der Probenarbeit heraus entwickelt wurde. Und so wie einem zuweilen die eigenen Gefühle allerlei Rätsel aufgeben können, kann es durchaus auch dem Zuschauer im Globe gehen. Und warum eigentlich nicht?

Ausgehend von einem Fortbildungsseminar für Bankangestellte sollen die drei Teilnehmer Zwingli (Dan Pelleg), Schulz (Marke E. Weigert) und Silvia (Sommer Ulrickson) lernen, Begriffe des Gefühls souverän im Beratungsgespräch anzuwenden. Kursleiterin Gabi-Renate (Clarissa Herrmann) begrüßt die Truppe zum “Verkaufstraining Senior developper Modul VI: ,emotional grasp- Techniken bei Kreditvergabe und Kundenakquise”. Begriffe und Phrasen wie Geborgenheit, Sicherheit, Wärme und “Sprungbrett ist Glück” werden eindrucksvoll und humorvoll durch Bewegung erklärt. Bis die beiden Bankräuber Joe und Mojo auftauchen und das Seminargefüge ordentlich aufmischen. Sollen die Seminarteilnehmer damit auf die Probe gestellt werden? Nun, es scheint doch recht ernst zu sein. Joe (Christoph Schüchner) entpuppt sich als recht multiple Persönlichkeit, die wohl tausend verschiedene Gründe und Gefühle für den Überfall nennen könnte. “Ich raube keine Bank aus, ich befreie sie vielmehr”, antwortet er auf Gabi-Renates Frage nach dem Grund seiner Tat.

Die Gefühlslage der Schicksalsgemeinschaft aus Räubern und Geiseln in der Globe-Bank wandelt sich fortan ständig – das Experiment nimmt seinen Lauf. Sichtbare und unsichtbare Bündnisse werden geschmiedet, da wird munter in Gefühle “investiert”. Joe verliebt sich in Gabi-Renate, Silvia verlagert ihre positiven Gefühle von Zwingli auf den melancholischen Gitarristen Mojo (Moritz Gagern, Komposition) – das paradoxe Stockholm-Syndrom lässt grüßen. Ausdrucksstark und akrobatisch bewegen sich die Darsteller über die Bühnenebenen und verschlingen sich kunstvoll ineinander – sie lassen ihre Körper sprechen, aber auch ihre Stimmen. Überhaupt agiert dort ein Ensemble von tänzerischen, schauspielerischen und gewitzten Könnern. Wie von selbst ergeben sich dabei die passenden Songs von Moritz Gagern, zu denen auch eine Art “Angst-Choral” gehört. Irgendwann träumen Räuber wie Geiseln um das große Trampolin auf der unteren Bühnenebene liegend zusammen den selben Traum vom großen Geld, einer besseren Welt. Bis die Seminar-Realität dem Ringen um Liebe ein jähes Ende setzt.

Vertrauen, Macht, Liebe, Geld – die Begriffe werden in vielen Varianten vor Augen und Ohren geführt. Das tröpfelt an einigen Stellen aber auch etwas ziellos vor sich hin. Dennoch ist die Spielfreude von Ulrickson und ihrem Team eindrucksvoll – ein Abend eben mit vielen Gefühlen.

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