Der integre Moment

Eine Polemik gegen die Idee des Gesamtkunstwerks anlässlich der 5. Ligerzer Opernwerkstatt, Ligerz (CH) 2009

Die romantische deutsche Idee des Gesamtkunstwerks ist parallel zu den Bemühungen entstanden, Preußen und Bayern zu einem Gesamtstaat zu vereinen. Die deutsche Politik und die deutsche Ästhetik arbeiten sich schon lange an dem Widerspruch ab, etwas Fragmentarisches zu etwas Gesamtem machen zu wollen. Was die Schwesterparteien der Union nicht geschafft haben, hat auch die Oper nicht geschafft, und wenn sich Merkel und Seehofer in Bayreuth zur Eröffnung der Wagnerfestspiele treffen, ist das symbolisch gesehen eine vielsagende Koinzidenz. Noch augenfälliger ist der Zusammenhang in dem anderen Opernland, Italien, wo die Vereinigung des Fragmentarischen bis heute nur in der Oper geklappt hat, namentlich im Werk von Wagners Gegenpart Giuseppe Verdi.

In der Kunst gibt es immerhin die Werkseinheit. Die Arbeit am Material bringt Werke hervor, die in sich abgeschlossen sind. Dennoch stellen sie nur einen Wegstein einer nicht abschließbaren Beschäftigung dar. Ein Kunstwerk ist per definitionem nicht fertig, sondern öffnet das scheinbar Fertige ins Ungewisse hinein. Gesellschaftlich gesprochen: Die einen versuchen die Eckpfeiler des Lebens tiefer in den Boden zu rammen, die anderen reißen sie heraus und winken mit diesen Zaunpfählen in bisher unbekannte Richtungen, die sich durch erneute Unsicherheit, Unvollkommenheit und Unfertigkeit auszeichnen.

Ein Teil der künstlerischen Bereitschaft, einen Raum für das Ungewisse zu schaffen, ist die Bejahung der Endlichkeit. Dass man stirbt, bevor man fertig ist, wenn „fertig“ ideal verstanden wird, steht im Hintergrund jedes Kunstwerks. Die Bejahung der Endlichkeit ist das radikalste Gegenprogramm gegen den idealistischen Ansatz.

Das “Gesamtkunstwerk” will sich über die Grenzen zwischen den Konkretionen künstlerischer Arbeit hinwegsetzen, es will die Kunstgeschichte in ein absolutes Ergebnis überführen und zwar von der Schreibmaschine aus. Vielleicht ist das Leben als Ganzes im Rückblick ein Gesamtkunstwerk. Das Leben ist unvorhersehbar, hier wäre der Begriff also ungefährlich. Was im Leben zählt, ist aber der Moment, integriert in eine Haltung, und zwar eine möglichst auf das Ganze des Lebens bezogene Haltung. Der integre Moment. Wichtiger als der Plan eines Gesamtkunstwerks ist der Umgang mit dem Moment, wenn Komponist, Autor, Regisseur, Dirigent, Sänger, Schauspieler, Tänzer, wer auch immer, bei der Arbeit an einem fachübergreifenden Stück aufeinander treffen.

Als Wagner und der Architekt Semper gemeinsam ein neues Opernhaus nach der neuen Idee des “Gesamtkunstwerks” planten, zerstritten sie sich am Ende doch wieder über der üblichen Frage, ob die Architektur ausschließlich der Musik zu dienen habe oder auch einen Zweck in sich selbst tragen dürfe. Wagner ging es um den Zweck der Musik. Ein irgendwie Gesamtes verlangt einen Autor, und wenn dieser Autor ein Komponist ist, ist es am Ende eine Komposition, die sich über die musikalischen Mittel hinaus auch anderer Mittel aus anderen Künsten bedient. Der Zweck des Ganzen bleibt die Musik. Gesamtkunstwerk würde bedeuten, dass die beteiligten Künste so gleichberechtigt zusammenwirken, dass eine neue Kunstform jenseits der Trennung zwischen den einzelnen Künsten entsteht. Wenn eine auserwählte Kunstform der Zweck des Ganzen bleibt, ist es kein Gesamtkunstwerk, sondern höchstens, im Falle Wagners, eine Gesamtkomposition, oder ein “musikalisches Gesamtkunstwerk”.

Unterschiedliche Künste mögen dabei an einem Strang ziehen, der Zweck bleibt die Musik im Falle Wagners, im Falle des typischen zeitgenössischen Musiktheaters die Regie. Szene, Musik, Bild, Sprache, Tanz – sie alle können mal der Zweck sein, für den dann alles andere nur zum Mittel wird. Erst wenn keine einzelne Disziplin mehr zum Zweck der Zusammenarbeit wird, wäre theoretisch die Tür zum Gesamtkunstwerk offen, aber zu welchem Zweck? Vielleicht zum Zweck der Zusammenarbeit. Das interdisziplinäre Kollektiv könnte Thema und Zweck der Zusammenarbeit sein und nicht bloß ein neues Mittel innerhalb der Komposition oder des Theaters.

Eine kollektive Schöpfung ist fast ein Widerspruch in sich. Besonders für uns alte Monotheisten. Man stelle sich vor, fünf unabhängige, egomanische, eigenständige Gottheiten hätten gemeinsam die Natur geschaffen! Vielleicht erklärte das Einiges, das Erdbeben von Lissabon, HIV, Zecken.

Das interdisziplinäre Kollektiv könnte dennoch eine Utopie des Musiktheaters sein, ähnlich wie Interkulturalität eine Utopie in unserer komplexer werdenden globalen und lokalen Gesellschaft ist. Die Oper ist komplex und schmutzig, sie unterscheidet sich vom reinen Konzert durch ihre fieberhafte Schwülstigkeit und Verlogenheit, Welten werden auf billigste und zugleich verschwenderischste Weise nachgebaut, alles ist nur behauptet. Die hohe Temperatur der Oper könnte zugleich ihr utopisches Potenzial sein. Sie ist der Raum, in dem sowieso nichts echt ist, und dadurch entsteht ein neues Plateau für künstlerische Legierungen. Der einzelne Künstler muss sich im Pappmaché-Bühnenbild von seinem sonstigen künstlerischen Authentizitätsanspruch verabschieden. Anselm Kiefer, dieser Dogmatiker des echten Materials und dessen Aura, willigte ein, sein Bühnenbild für die Pariser Oper im Sommer 2009 aus Pappmaché bauen zu lassen. Dieser Betrug könnte eine Voraussetzung für Interdisziplin sein. Jede Kunst muss an der Garderobe ihren Ernst ablegen und bekommt ein Kleid aus der Kostümabteilung. Die Begegnung, die dann erfolgt, ist nur dann eine Begegnung, wenn tatsächlich keine der beteiligten Künste die Idee des Gesamtkunstwerks verfolgt, sondern stattdessen die des interdisziplinären Kollektivs. Auf diese Weise kann das Musiktheater eine Plattform sein, auf der gesellschaftliche Techniken erprobt werden, die wir heute dringend brauchen. Und genau dadurch behält die Oper ihre mythische und soziologische Relevanz.

Dafür ist es nötig, das Dilettantische in der Kunst neu zu bewerten. Man könnte meinen, die Betonung des Dilettantischen als Grundlage der Kunst sei etwas typisch Deutsches, aber in Wirklichkeit ist es nur dadurch typisch deutsch, dass es auf etwas typisch Deutsches reagiert, nämlich auf den Idealismus, aus dem die Idee des Gesamtkunstwerks hervorgegangen ist. Der Dilettantismus ermöglicht im Gegensatz zum Spezialistentum die Interdisziplin zwischen verschiedenen Kunstformen. In diesem Sinne verdient die Rennaissance eine Wiedergeburt im Künstler des integren Moments.

Das Leben setzt sich vielleicht im Nachhinein aus vielen integren Momenten zu einem „Gesamtkunstwerk“ zusammen. So ein der Endlichkeit und dem Scheitern verpflichteter Begriff des Gesamtkunstwerks ist der, den ich als einzigen interessant finden kann.

Die Oper, als Genre und als Produktionsprinzip, könnte eine parallele Polis der globalen Gesellschaft werden, wenn die Beteiligten die Idee des monofinalen Gesamtkunstwerks eintauschen gegen den integren Moment.

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