oper

Heute sah ich in Berlin eine neue Oper, die gut komponiert und für manche auch gut inszeniert war, und dennoch keine Bedeutung hat. Sympathisch und gekonnt knüpfte die Musiksprache dort an, wo Alban Berg aufgehört hat, angereichert mit klanglichen und musikdramaturgischen Errungenschaften der letzten vierzig Jahre. Offen blieb dabei erstmal, ob die mythische Figur dieser neuen Oper bewusst durch musikalische Zitate mit Wozzeck in Beziehung gesetzt wurde. Es wäre zumindest musikalisch legitim, denn Bergs Ansatz ist damals durch die bahnbrechende Sackgasse des Serialismus zu Unrecht versandet. Gut gefallen hat mir auch die kantilene melodische Arbeit. Wenige können heute Melodien schreiben. Ich habe den “Arien” gerne zugehört. Aber eine Frage stellte sich von Anfang und wurde immer lauter: Was sollte das alles? Wofür wird diese ganze Mühe aufgewendet? Diese Frage wurde in erster Linie durch die Inszenierung ausgelöst, sie wäre abgeschwächt worden, wenn man beispielsweise Luk Perceval hätte überreden können, die Uraufführung zu inszenieren.

Die Kulturwelt spaltet sich in zwei Teile: die einen arbeiten vor sich hin, feilen ihr Handwerk aus, bauen und basteln besessen an ihrem Ding, die anderen wollen es wissen, sind getrieben von gesellschaftlichen und spirituellen Fragen, schreiben aus Schmerz und Suche oder schweigen unter noch größeren Schmerzen im Angesicht der Kontingenz unseres Seins. Singen ist demnach ein Akt, der einer inneren Spannung entspringt, einer fast krankhaften Stimmung oder Verstimmung. Opern komponieren versteht sich aus dieser Perspektive als existenzieller Akt eines von Fragen und Sinnlosigkeit getriebenen, liebeskranken, an der Ungerechtigkeit der Welt verzweifelnden Menschen, der Noten aufschreibt für Stimmen, die genau diesen existentiellen Aspekt transportieren können und daher Opernstimmen sind. Aus dieser Perspektive ist es rätselhaft, warum solche Aufführungen wie die heutige zustande kommen. Woher kommt die Motivation, all diese Noten zu schreiben? Es ist die falsche Frage, denn dazwischen ist eben jener beschriebene kulturelle Bruch. Diese Leute denken so nicht. Sie arbeiten. Toll. Ein handwerkliches Fest. Aber am Thema vorbei. All diese Arbeit ohne den Sinn, der große Kulturausgaben und -verausgabungen legitimiert, nämlich die Arbeit am Mythos unserer Gesellschaft, an den offenen Fragen, die auf der Straße herumliegen, uns anschreien, uns fertig machen. Es war eine Oper mitten aus einer Gesellschaft, die zufrieden ist. Wer sind diese Leute? Sie sind überall, es sind die normalen, scheint mir. Es ist “normal”, blind durch das Leben zu gehen, stumpf für alles, was ablenkt vom antrainierten Ablauf. Es ist normal, stumpfsinnig zu sein, so ist das.

Und es ist natürlich komplizierter: Die angeblich Feinsinnigen, die kulturell Gebildeten, sind ja die, aus deren Mitte so etwas entsteht wie heute Abend, während der Verkäufer der Obdachlosenzeitung im Anschluss an die Premierenfeier die größte Feinsinnigkeit aller “Anwesenden” bewies durch seine Anteilnahme an den Problemen der feinen Zehlendorfer, die ratlos der Zumutung gegenüberstanden, vom Opernhaus durch den Sommerregen zum Taxistand am Ende des Blocks zu gelangen. Schüchtern hatte er zunächst seine Zeitung angeboten, unaufdringlich, sensibel. Dann lächelte er verständnisvoll über die Argumente der Dame, warum ein kurzer Lauf zu den Taxen nicht denkbar sei. Schließlich, etwa zehn Minuten und einen geübt unterdrückten Ehestreit später gellte ein Pfiff durch die verregnete Straße: der Zeitungsverkäufer hatte eine freie Taxe nahen gesehen. Beherzt sprang er auf die Straße und sicherte den Wagen für das erschöpfte Paar. So wie sie den Andersartigen bisher ignoriert hatten, taten sie es auch jetzt, als sie in das von ihm ergatterte Taxi einstiegen, ohne einen Blick, ohne ein Wort. Zufrieden grinsend über seinen organisatorischen Erfolg kehrte der Obdachlose auf seinen Posten auf den Stufen der Oper zurück.

Ich vermute, dass die meisten Unverbildeten sofort das Falsche an der heutigen Opernaufführung spüren würden. Je nach Selbstbewusstsein würden sie entweder ihre fehlende Bildung oder die Schwäche des Werkes verantwortlich machen für das Unbehagen vom ersten Auftritt an. Diese aseptischen, künstlichen Figuren karikieren sich selbst, wie sie seit hunderten von Jahren herumkaspern, anstatt ehrlich zu sein, so ehrlich, wie es uns das Theater der letzten dreißig Jahre, die Avantgarde der letzten hundert Jahre, Yves, Varèse, Eisler, Cage, Feldman, Xenakis, Nono, Berio, Kagel, …  oder die Bluesmusik und ihre Erben im Pop im 20. Jahrhhundert gelehrt hat.

Aber wer’s mag …

Dabei ist an der Komposition musikalisch nichts auszusetzen. Es gibt Opernkompositionen, die tragen ihre mythische Schärfe immer schon in sich, und andere, wie diese, die dafür einen Regisseur brauchen. Wofür hat denn dieses Land seit den 1950er Jahren das Regietheater in die Opernhäuser geholt und genau diese wichtige Aufgabe geübt? Ich bin der erste, der dafürhält, dass eine scharfe Oper keine Regie braucht, die sich über die Partitur drüberschmiert. Es wäre daher sinnlos, einen abstrakten Streit für oder gegen das Regietheater am Opernhaus zu führen, denn die Frage muss Werk für Werk geklärt werden. So manche musikhandwerklich spannende Partitur muss eben erst übersetzt werden für die Opernbühne, um den mythologischen Anspruch dieses unsagbar teuren kulturellen Raumschiffs zu erfüllen – und es gibt viele Regisseure, die das könnten, so viel ist sicher.

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