Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden steht auf der Fassade des Neubaus in goldenen Lettern: “Upper Eastside Berlin”. Das erinnert an brandenburgische Kneipen, die zu “Life Music” in dem Bierinstitut namens “By Rudy’s Texas In” einladen.
Während die Bewohner von Manhattans Upper East Side infolge der Mietpreisentwicklung nach Berlin schwärmen und dort nach etwas Anderem suchen, begrüßen sie die hiesigen Bauherren wie der Igel den Hasen. Sie machen Berlin einerseits zur Provinz, indem sie eine seit 120 Jahren legendäre urbane Straßenkreuzung nach dem Viertel einer anderen Metropole benennen. Gleichzeitig bereiten sie dieselbe Mietpreisentwicklung vor, die Manhattan in den 1990ern verwüstet hat.
Dass es sich in Berlin wiederholt, verkündet die Inschrift. Zugleich zeigt sie, dass es noch ein paar hundert Jahre dauert, bis diese Stadt nicht mehr provinziell sein wird. Das macht vielleicht auch ihren Charme aus. Manchmal gelingt vielleicht ein Lob des Provinziellen. Macht weiter, marginalisiert euch zuvorkommend, es kommt in den besten Städten vor. Während in Rom ein Jazzclub “Alexanderplatz” genannt wird, träumen diese rührenden Abteilungsleiter immer noch von New York. Wenn sie nur nicht so viel entscheiden dürften.
Wohin schwärmen die ehemaligen Bewohner der Upper East Side Manhattan als nächstes, wenn sie dann auch aus der “Upper Eastside Berlin” vertrieben worden sein werden? Werden dort, in Odessa oder Ulan-Bator, Neubauten mit der Inschrift “Mitte” eine im globalen Netz gar nicht mehr begehrte Zentralität behaupten?
Wie gehen wir damit um, dass ein Prozess vorhersehbar ist, der aus Berlin ein weiteres Nowhere macht? Wir schauen sehenden Auges zu. Freiwillig provinzialisiert aus strukturell bedingt kulturfreier Großspurigkeit der zufälligen Entscheider. Übrigens hat immer noch niemand den Werbe-Pfahl der O2-World gefällt. Und auch hier hat Cohen wieder Recht: First we take Manhattan, then we take Berlin.
And then we take Ulan-Bator – und die Leute, die sich befremdet fühlen von behaupteter Zentralität durch den Rückgriff auf vergangene Zentren, ziehen aufs Land, in die echte Provinz, falls noch vorhanden, Hauptsache echt, während die Städte zu Kopien von Kopien werden.
